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Inzest und Sexueller Missbrauch von Kindern, Jungen und Mädchen, Hilfe / Selbsthilfe: UTUs Texte
Auf diesen Seiten möchte ich die Öffentlichkeit über eines
der schrecklichsten Verbrechen an Kindern informieren und etwas von meinen Erfahrungen mit dem
Heilungsweg aus sexuellem Missbrauch an andere Genesende weitergeben.
Von einer der schwersten aller Verletzungen wie sexuellem Missbrauch / Inzest kann man nur
heilen, wenn man diese offen anerkennt. Der erste Schritt ist, ganz offen
zu benennen, was einem als Kind angetan wurde.
Ich nehme hier deshalb auch kein Blatt vor den Mund.
In der öffentlichen Wahrnehmung bin ich ein Opfer von sexuellem Missbrauch.
Heilung bedeutet aber, sich nicht mehr als Opfer, sondern als Überlebenden (Survivor)
zu sehen.
Da ich einer der ganz wenigen männlichen Überlebenden von sexuellem
Missbrauch bin, die sich erst in geschützten Mailing-Listen und dann auch
in anderen öffentlichen Foren getraut haben, etwas über ihr
Schicksal zu berichten, muss ich etwas zum Thema Männer / Frauen als
Opfer / Täter sagen.
Ich mag die
vielen Klischees nicht, die "Männern als Opfer" angeheftet werden.
Ich spreche viel lieber von "Menschen als Opfer" und von "Menschen als Täter".
Die genetischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind im Mittel ziemlich
klein (siehe z.B. Richard Lewontin: die genetische Variabilität innerhalb einer bestimmten
Gruppe von Menschen ist wesentlich größer als die Mittelwerte zwischen den Gruppen).
Es gab auch keine getrennte Evolution von Männern und Frauen, sondern
nur eine gemeinsame der gesamten Menschheit.
Leider finden sich selbst in renommierten Psychologie- oder Missbrauchs-Fachbüchern
viele Klischees, die völlig unhaltbar sind. Ich kann einige davon durch meine
eigene Geschichte widerlegen.
Zum Beispiel:
- Jungen würden sexuellen Missbrauch anders verarbeiten als Mädchen.
Tut mir leid, aber ich kann keinen prinzipiellen Unterschied (abseits
der immer vorhandenen individuellen Unterschiede) erkennen. Jeder Mensch verarbeitet Traumata anders;
die individuellen Unterschiede übersteigen geschlechtsspezifische bei weitem.
Männliche Opfer haben es vielleicht schwerer, darüber zu reden,
weil die Gesellschaft an einem Männlichkeitsbild
klebt, das einfach nicht stimmt. Wie es in Männern ganz tief innen drin
wirklich aussieht, das darf wegen dieser Klischees keiner sagen.
- Frauen würden weniger heftig missbrauchen als männliche Täter.
Vollkommen falsch. Ich hatte das Pech, eine Mutter und eine Oma mit sadistischer
Sexualität zu haben, die glaubten, es schade kleinen Kindern nicht, wenn
sie an "Spielen" teilnehmen, die mit Sicherheit nicht die Mehrheit der Erwachsenen
mitgemacht hätte. Welcher normale Erwachsene würde sich fesseln und
auspeitschen lassen?
Ich als Kind hatte aber keine Wahl, ob ich daran teilnehmen wollte oder nicht.
- Frauen würden ihr Missbrauchs-Verhalten als Pflege-Verhalten tarnen
und kaschieren.
Ja, das stimmt leider oft, wenn auch nicht immer.
Meine Mutter war der Meinung, es gäbe medizinische Gründe dafür,
eine bei kleinen Jungen ganz normale physiologisch bedingte Phimose
eigenhändig "kurieren" zu müssen (angeblich um eine Operation zu verhindern),
wobei der "Erfolg" dieser "Behandlung" daran zu messen wäre, wie sehr es weh tut,
und wie oft man diese "Behandlung" wiederholt.
Wo es nicht stimmt: als ich mich dagegen wehren wollte, sie befriedigen
zu müssen, hat sie mich mit Schlägen dazu gezwungen.
Tut mir leid, aber ich kann darin kein mütterliches Fürsorge-Verhalten
erkennen, auch kein vorgetäuschtes.
- Frauen könnten rein anatomisch nicht so schwer missbrauchen wie Männer,
da sie kein Glied haben;
eine Vergewaltigung durch Frauen könne es daher nicht geben.
Vollkommener Unsinn. Ich bin von meiner Mutter anal vergewaltigt worden,
ohne Glied, nur mit den Fingern und den Fingernägeln.
Es hat unbeschreiblich weh getan; ich habe mich dieser Situation durch
dissoziatives "Wegbeamen" (oder war es vielleicht eine Ohnmacht?) entzogen.
Andere Auswege hatte ich nicht, weil ich dabei festgeklemmt war.
Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich würde hier einseitig nur
Frauen als Täter betonen: unter den fünf Tätern meiner
Kindheit waren auch zwei Männer. Einer war pädophil und
hat meinem Vater Geld dafür gegeben, damit der "arme Junggeselle"
auch mal ein "Kind zum Schmusen" hat. Mit Schmusen hatte das aber
nichts zu tun, was dieser Typ mir angetan hat. Der andere
Täter war Jugendleiter einer katholischen Jugendgruppe, der
u.a. sogenannte "Aufklärungsfilme" (z.B. über
Behinderten-Sex) gezeigt hat und dann sogenannte "Parties" mit
13-jährigen Jungen "gefeiert" hat. Später ist dieser
Typ dann katholischer Priester geworden.
Die Gleichungen Männer=Täter und Frauen=Opfer stimmen einfach nicht.
Vor Jahren wurden diese falschen Gleichungen von Teilen der Frauenbewegung propagiert,
was sich heute zum Glück über weite Strecken geändert hat
(siehe z.B. das Buch "Frauen als Täterinnen" von Michele Elliott
und Karin Ayche, die sich aus Frauenbewegungs-Perspektive sehr intensiv mit
dem Thema auseinandersetzen).
Ich erkenne die Pionierleistung der Frauenbewegung ausdrücklich an.
Betroffene Frauen waren unter den ersten, die das Thema des sexuellen Missbrauchs der
gesellschaftlichen Tabuzone entrissen und an die Öffentlichkeit
gegangen sind. Ohne diese Pioniere stünden männliche Opfer
heute nicht da, wo wir inzwischen -- auch mit Schützenhilfe von
Frauen -- angekommen sind. Allerdings reicht das immer noch nicht:
gerade die Mutter als Täterin ist immer noch am stärksten
tabuisiert. Auch Männer zeigen manchmal wenig Bereitschaft, dieses Tabu
zu knacken. Ich möchte mit diesen Seiten einen Beitrag dazu leisten.